Zehntausende von Uiguren haben in der Türkei Zuflucht vor der Verfolgung in Xinjiang gefunden. Für viele ist Istanbul zur zweiten Heimat geworden. Doch richtig sicher fühlen sie sich am Bosporus nicht mehr, seitdem Erdogan mit Peking flirtet.
Ömer Faruk ist ein ernster Mann mit gerader Körperhaltung und klarer Stimme. Der uigurische Familienvater hat sich vorbereitet auf das Treffen im Istanbuler Stadtteil Sefaköy. Zu dem Gespräch in dem Laden, in dem der 31-Jährige uigurische Bücher und Kinderspielzeug verkauft, hat er Bilder seiner Mutter im Rollstuhl und die Babyfotos von zwei seiner Töchter mitgebracht. Die beiden Mädchen waren ein und drei Jahre alt, als er mit seiner Frau aus seiner Heimat in Xinjiang fliehen musste. Seitdem hat er sie nicht mehr gesehen.
Faruk befand sich 2016 zum Arbeiten in Saudiarabien, als seine Frau ihn aus Xinjiang anrief: Die chinesische Polizei sei gekommen, um ihre Pässe einzuziehen. Faruk riet ihr, die Behörden hinzuhalten und mit den beiden älteren Kindern einen Flug in die Türkei zu buchen. Die zwei jüngeren Töchter blieben bei der Schwiegermutter zurück, doch wurde sie kurz darauf in einem Lager inhaftiert. Seitdem ist der Kontakt zu ihr abgerissen – wie auch zum Rest seiner Familie.
«Meine Mutter und meine Geschwister löschten mich bei WeChat», erzählt Faruk. «Sie mussten das tun, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Ich gelte in China vermutlich als Terrorist.» Faruk zeigt Bilder von seinen Brüdern. Sie hätten in millionenschwere Bauprojekte investiert, erzählt er. Auch sie wurden verhaftet, in Umerziehungslager gebracht, und ihre Vermögen wurden konfisziert. weiter lesen
